Nazo

Parwin, Gründungsmitglied und Vorsitzende des Vereins in Kabul bis 2008, sagt: 

„Unser Frauenverein in Kabul, NAZO, besteht aus zwei Abteilungen: aus dem Verein NAZO und aus dem NAZO-Zentrum. Im NAZO-Zentrum bringen wir Frauen zusammen, die vorher nur zu Hause saßen. Unser Ziel ist es, die Frauen von zu Hause wegzuholen und ihnen einen Weg zu weisen, wie man Geld verdient, wie man selbständig wird. Ebenso wichtig war von Anfang an, dass die Frauen lesen und schreiben lernen.

Desweiteren führten wir sofort Beratungskurse ein, wie z.B. Gesundheits- und Rechtsberatung und die NAZO-Kinderbetreuung.

Als wir anfingen, gab es ein Grundproblem: In unserer Gesellschaft haben die Männer das entscheidende Wort, die Frauen stehen an zweiter Stelle. Immer müssen wir das Problem lösen, die Erlaubnis zu bekommen, dass die Frauen ihr Zuhause verlassen können, um einen Beruf zu erlernen. Zuerst sprechen wir mit den einflussreichen Vertretern des Gebietes, in dem wir das Frauenzentrum eröffnen wollen. Danach gehen wir in die Häuser und reden mit den Familienvorständen, damit sie ihren Frauen und Mädchen erlauben, das Ausbildungszentrum zu besuchen.

Wenn eine Frau ihre 4 Wände verlässt, alphabetisiert wird, mit anderen zusammen ist und sich austauscht, bekommt sie ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Dieses neu gewonnene Selbstbewusstsein ermöglicht es ihr dann eher, für ihre Rechte zu kämpfen und ihre Rechte letztendlich auch zu bekommen.“


Mitglieder in Afghanistan

Hafiza, auch sie ist Gründungsmitglied und setzte sich dafür ein, dass Frauen und Mädchen zu Schneiderinnen ausgebildet werden. Sie hatte in den 1980ziger Jahren im Baukombinat Kabul-Casaba eine Schneider- werkstatt aufgebaut, in der Frauen Arbeitskleidung für die Angestellten nähten. Sie schlug vor mit der Schnei- dereiausbildung zu beginnen und wurde die erste Lehrerin des NAZO-Ausbildungszentrums. Sie unterrichtete dort bis 2008 und bezieht seitdem von uns eine kleine Rente. Sie fasst ihre Lebenserfahrungen folgendermaßen zusammen:

 „Das Leben ist so, als ob man auf einem Schlachtfeld steht. Gegenüber steht der Feind, den man überwinden muss, In Afghanistan ist das Leben hart und sehr schwer für Leute wie uns".


Schaima ist die Leiterin der Schneidereiabteilungen. Sie studierte vor der Taliban- & Bürgerkriegszeit Zahnmedizin, konnte ihren Beruf jedoch nie ausüben. 2002 gründete sie mit Parwin, Hafiza, Jawed den Verein NAZO-Afghanistan, den sie als Geschäftsführerin bis 2008 leitete. Sie sagt:

„Ich persönlich nehme mir jeden Tag nochmals eine halbe Stunde Zeit, um mit unseren Auszubildenden wichtige Themen des Lebens zu besprechen, wie z.B. den Nutzen einer Buchhaltung, der Schaffung einer freundschaftlichen Familienatmosphäre, Ordnung und Disziplin zu Hause und am Arbeitsplatz, allgemeines gutes Benehmen und all das, was sie sonst noch auf dem Herzen haben. Da fast alle Schülerinnen keine Schule besucht haben, sind diese Gespräche eine große Hilfe für sie.“

 


Jawed ist der einzige Mann im Team. Er war fünf Jahre beim Militär, davon drei als Berufsfahrer; seit 2002 ist er der Stellvertreter der Vorsitzenden. Er schreibt in einem Bericht:

„Die Solar-Lampen die ihr unserem Verein in Kabul geschenkt hatte, haben uns in den finsteren afghanischen Nächten sehr geholfen. In jedem Dorf waren die Menschen ganz aus dem Häuschen vor Begeisterung über diese praktischen Lampen. Wir haben beide Lampen in jeweils einem Dorf gelassen. Leider konnten wir nicht versprechen, dass weitere Familien in anderen Dörfern ebenfalls solche Lampen erhalten. Wir würden den Menschen in diesen Tälern eine große Freude machen, wenn wir ihnen solche Solarlampen geben könnten. Ihre finsteren Nächte würden heller werden – auch im übertragenen Sinn, weil sie den Tag der Menschen verlängern würden. Z.B. könnte man am Abend noch Schulaufgaben machen, lesen, nähen etc.“ 


Marina ist seit 2008 die Vorsitzende des Vereins ALS und Leiterin aller NAZO-Projekte. Marina, machte vor der Talibanzeit das Abitur, konnte danach jedoch kein Studium beginnen, weil alle Universitäten schon in der Zeit des Bürgerkriegs (1992-1996) geschlossen wurden. Ein Auszug aus ihrem Jahresbericht 2012:

„2012 war für uns Frauen ein sehr schwieriges Jahr, weil die Sicherheitsprobleme immer größer wurden. Viele Frauen haben sich aus der Öffentlichkeit, der Politik und vor allem aus den Medien zurückgezogen. Das bereitet uns große Sorgen. Aber dennoch verfolgen wir NAZO-Frauen unsere Ziele unbeirrt weiter. Wir haben unsere Kursangebote für die Berufs- und Weiterbildung erweitert und unsere Handelsbeziehungen im In- und Ausland ausgebaut. Auch nach 2014 werden wir uns nicht einschüchtern lassen und energisch an einer für Frauen positiven Zukunft bauen. Wir werden unsere Ziele, die Frauen gut auszubilden, sei es in der Alphabetisierung, des Erlernens eines Berufes oder auf dem Gebiet von Verkauf und Handel, mit all unseren Kräften weiterverfolgen.“

 


Mina ist Staatsanwältin und kam gleich nach ihrem Staatsexamen zum Verein ALS/NAZO. Sie berät die Schülerinnen und Angestellten in Fragen des Rechts. Mina ist sich der Gratwanderung bewusst - ein Auszug aus einem Gespräch:

„Je intensiver Frauen und Mädchen ihre neuen Rechte einfordern, desto wichtiger wird ihr diplomatisches Geschick. Die erste Hürde, die alle Mädchen und Frauen nehmen müssen, ist, ihren Vater, Ehemann, Bruder, Sohn, Onkel – eben den Familienvorstand – davon zu überzeugen, dass das Lernen außerhalb des Hauses ihnen einen Vorteil bringt, z.B. dass die Ausbildungshilfe und ihr Lohn danach zum Familieneinkommen beitragen wird. Die Frau verkörpert die Ehre des Mannes, der Familie, ja des ganzen Volkes. Sie bringt die Kinder zur Welt, erzieht sie, kümmert sich um die Großfamilie und wird so zur Repräsentantin der „echten“ afghanisch- islamischen Kultur.
Eine moderne Frau, die außerhalb des Hauses zur Schule geht, einen Beruf erlernt und ihn dann auch noch ausübt, hat neben der Familie noch andere Interessen und Verpflichtungen. Die Familie ist nicht mehr ausschließlich der Mittelpunkt ihres Lebens. Damit stellt die moderne Frau gerade diesen Wert in Frage. Der Kampf um die Gleichberechtigung ist noch ein langer Weg, verbunden mit vielen schmerzlichen Rückschritten.“

 


Rahima ist eine ehemalige Schülerin und heute die Leiterin der Schmuckabteilung. Sie sagt:

„Ich habe im NAZO-Zentrum gelernt, um Juweliermeisterin zu werden. Der Meister Saber hat mich zu seiner Assistentin gemacht. Darauf bin ich stolz – und ich gebe mir noch mehr Mühe. Ich will ihn auf gar keinen Fall enttäuschen. Was ich mir für die Zukunft wünsche? Wir sollten eine Schmuckwerkstatt gründen – dann könnten wir alle weiter zusammen arbeiten. Das ist ja ein Männerberuf – und dort Fuß zu fassen ist sehr schwer. Aber wir Frauen – zusammen – ja, so können wir es schaffen.“

Seit April 2014 gibt es diese Schmuckwerkstatt.

 


Hol Dir ein glänzendes Stück
vom Hindukusch

 

 

Madina ist ebenfalls eine ehemalige Schülerin und betreut die landwirtschaftlichen Projekte.
Als ausgezeichnete Schneiderin bringt sie sehr viele Kundinnen in die Schneiderwerkstätten.

Najla ist die jüngste im Team und kam gleich nach ihrem Abitur zum Verein. Sie kümmert sich um die Patenschaften und um die Buchführung.

Mastura ist auch eine ehemalige Schülerin. Sie hat die Verantwortung für den Verkauf übernommen. Ihre Selbständigkeit wurde vom Frauenministerium Afghanistans sogar mit einer Urkunde ausgezeichnet.