Nazo

Vorwort

„Mir geht es ja noch gut - ich habe ein Dach über dem Kopf, bin gebildet, Lehrerin. Wir müssen irgendetwas für die Frauen (gemeint waren vor allem die bettelnden Kriegerwitwen) tun, die gar nichts haben.

Das sagte meine Freundin Parwin zu mir, als wir Januar 2002 im völlig zerstörten Kabul vor der Ruine standen, die einmal ihr zu Hause war. Dieser Satz war so etwas wie ein Weckruf für mich. Seit 35 Jahren drehe ich Dokumentarfilme über Menschen, die das Schicksal hart getroffen hat. Zunächst über polnische, russische und jüdische Opfer der deutschen Nazizeit, später dann kamen die Leidgeprüften in Afghanistan hinzu. Immer lässt ein fertiger Film eine Leere in mir zurück, immer fehlt etwas. Oft baten die Protagonisten um konkrete Hilfe – aber etwas anderes als Geld konnte ich nicht geben. Ihre Probleme waren damit in den seltensten Fällen gelöst. Auch wenn mich dieser Satz meiner Freundin zunächst tief betroffen machte, so hat er mir doch die Kraft gegeben, das HILFE zur SELBSTHILFE-Projekt NAZO ins Leben zu rufen.

Heute arbeitet NAZO schon länger als 10 Jahre. Die anfänglich überschwängliche Euphorie ist einem alltäglichen Engagement gewichen. Wir alle – in Deutschland, wie in Afghanistan – haben in diesen Jahren viele Probleme aus dem Weg räumen müssen und haben dabei viel gelernt. Aber wichtiger sind die Erfolgserlebnisse, wenn aus den verschlossenen, unterdrückten Frauen und Mädchen, die nur mit hängenden Schultern gehen, offene, selbständige Frauen werden, deren Gang aufrecht ist und die dir selbstbewusst in die Augen schauen. Heute haben sie die verschiedensten Berufe gelernt und können – wie es die Afghaninnen ausdrücken würden – „ihr Brot selbst verdienen“. Heute „stehen sie ihren Mann“ und verkaufen ihre NAZO-Produkte innerhalb und außerhalb von Afghanistan.

Können die großen, zentral gelenkten Hilfsorganisationen verhindern, dass die Aufbauhilfe, die für die Familien gedacht ist, häufig doch nur in Männerhände gelangt und damit die neusten technischen Geräte wie Handy, Fernseher oder Moped gekauft werden, während die Frauen, traditionell ans Haus gebunden, leer ausgehen? Diese Organisationen arbeiten nach internationalen Richtlinien, die zuwenig auf die jeweiligen Landessitten und Gebräuche, die partiarchalen Strukturen und Empfindlichkeiten eingehen. Die kleineren Projekte, die vor Ort von Einwohnern geleitet und betreut werden, können da viel mehr ausrichten. Die Einheimischen kennen die Mentalität und die Probleme der Menschen, um die sie sich kümmern und können so – zwar im kleineren Rahmen – viel effektiver arbeiten.

Heute ist es still geworden um die Frauen. Die offizielle Afghanistanberichterstattung kreist um‘s Militär, besonders um den Rückzug der Truppen bis Ende 2014. Auch „unsere“ NAZO-Frauen machen sich darüber Gedanken. Aber ihre einmal erreichten Rechte werden sie nicht aufgeben, dafür werden sie mit all ihren Kräften kämpfen.

„Das Jahr 2014 nähert sich. Auch unter unseren Frauen wird darüber viel diskutiert. Die einen freuen sich und glauben, dass sich danach die Sicherheitsprobleme entschärfen. Die anderen denken genau das Gegenteil und haben Angst. Wir werden energisch weitermachen und unsere positive Richtung beibehalten – ohne die kleinste Verzögerung. In unseren Träumen malen wir uns unsere Zukunft blendend aus.“
So beschreibt Marina, die Vorsitzende des Vereins in Afghanistan, die Stimmung unter den MitarbeiterInnen und Schülerinnen.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich für Ihre Unterstützung - materieller wie ideeller Art - bedanken. Gleichzeitig bitte ich Sie, den NAZO-Frauen auch weiterhin Mut zu machen und sie in ihrem täglichen Kampf um mehr Gleichberechtigung tatkräftig zu unterstützen. 

Vielen Dank, Elke Jonigkeit

Link: Einblicke Rückblicke Ausblicke  (PDF)