Nazo

Beratungskurse

Rechtsberatung

„Unsere“ Mina, die als Staatsanwältin für die Regierung arbeitet, klärt die Schülerinnen über ihre in der neuen afghanischen Verfassung verankerten Rechte und Pflichten auf und diskutiert mit ihnen, wie diese im täglichen Leben umgesetzt werden können. 

Mina sagt:
„Noch immer gibt es an unseren Gerichten zweierlei Maßstäbe. Wir wissen, Ehebruch ist eine Straftat. Vor dem Gesetz steht darauf für Mann und Frau die gleiche Strafe. Die Männer haben ja das Geld und bezahlen Schmiergeld oder sie kennen bestimmte Leute, die sich für sie einsetzen. Da die Gesellschaft von Männern geführt wird, werden sie – egal aus welchen Gründen – frei gelassen, oder man sagt, die Untersuchungshaft ist für ihn ausreichend – aber die Frau sitzt 5 Jahre im Gefängnis.“

Die Kurse Rechtsberatung werden in allen NAZO-Ausbildungszentren angeboten:
- im Stammhaus in Achmad Schah Baba Mena
- im Dorf Kamari (Fotos oben zeigen die Kurse während des Jahres 2017)
- in Najrab (Dorf Ghazi Big Kheel)

 

 

Als 2004 die neue Verfassung in Kraft trat, wurde diese in unseren Medien als „die fortschrittlichste Verfassung eines islamischen Landes“ gefeiert. Vorausgegangen war eine heftige Auseinandersetzung, ob es sich um eine „Republik Afghanistan“ oder eine „Islamische Republik Afghanistan“ handeln soll. Die konservativen Kräfte konnten sich durchsetzen und so wurde Afghanistan eine Islamische Republik, die im Artikel 3 des Grundgesetzes festlegt, dass „in der Islamischen Republik Afghanistan kein Gesetz im Widerspruch zu den Grundlagen des Islams“ stehen darf.

Anders ausgedrückt: Das religiöse Scharia-Recht steht in Streitfällen über dem staatlichen Recht. (Das nennt man Schariavorbehalt) Und weil es nach der Scharia keine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen geben kann, kann man sich fragen, welchen Wert der in der Verfassung verankerte Gleichberechtigungsartikel überhaupt hat.

In der Praxis sieht das so aus: Über familienrechtliche Streitfälle – also alles, was Frauen betrifft – entscheidet in Kabul der Oberste Gerichtshof, der seit Jahren mit religiös-konservativen Kräften besetzt ist, die kein Interesse an Frauenrechten haben. Zu sehr stehen solche Freiheiten im Widerspruch zu allem, was in Afghanistan bisher gelebt wurde. Die Frauengefängnisse sind überfüllt. Wegen kleinster „sittlicher“ Vergehen, wie Flucht vor Zwangsheirat, oder aus Gewaltbeziehungen, werden Frauen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, während Männer oft straffrei ausgehen.